Postkoloniale Erinnerungskultur: Die Karl-Peters-Straße in Bielefeld

Wer in Deutschland die Kolonialvergangenheit thematisiert oder gar eine postkoloniale Erinnerungskultur einfordert, trifft häufig nicht nur auf Vergessenheit und Verdrängung, sondern teilweise auch auf sofortige Distanzierung. Geradezu vehement zeigt sich dabei die bis heute geringe Bereitschaft, sich mit der eigenen kolonialen Vergangenheit und den Folgen des europäischen Kolonialismus bis in die Gegenwart auseinanderzusetzen. In vielen deutschen Städten gründeten sich auch aus diesem Grund in den vergangenen Jahren Initiativen und Arbeitskreise, um gegen die immer noch zahlreich vorhandenen kolonialistischen und rassistischen Straßennamen sowie Denkmäler vorzugehen. Im Frühjahr 2006 startete der Arbeitskreis ›Bielefeld postkolonial‹ ebenfalls eine solche Kampagne und forderte die Umbenennung der Bielefelder Karl-Peters-Straße ein.

Koloniale Gewalt und Mythen

Der Namensgeber – so ist sich die historische Forschung weitestgehend einig – gehörte nicht nur zu den glühendsten Vertretern der Kolonialbewegung in Deutschland, sondern auch zu den wohl größten Kolonialaggressoren des Deutschen Reiches. Peters hatte seine von Gewalt und Betrug geprägten Taten auf den schwer bewaffneten Expeditionen im späteren ›Deutsch-Ostafrika‹ geradezu stolz und detailversessen in seinen Reiseberichten beschrieben. Große Bekanntheit erlangte er vor allem für seine äußerste Brutalität gegenüber den Kolonisierten. Auch vor Mord hatte er bei der kolonialen Landnahme nicht zurückgeschreckt und galt in Ostafrika für viele als »Mann mit den blutigen Händen«.

In den 1960er Jahren schien die nicht zuletzt durch die NS-Propaganda vorangetriebene Mystifizierung Karl Peters‹ zu einem ›Kolonialabenteurer‹, ›Entdecker‹ und ›Afrikaforscher‹ so weit fortgeschritten zu sein, dass für den Bielefelder Rat kein Hindernis bestand, ihm in einem Neubaugebiet in Stieghorst eine Straße zu widmen. Nachdem erste vorsichtige Versuche der Umbenennung 1988 und 2002 gescheitert waren, gelang es dem Arbeitskreis ›Bielefeld postkolonial‹ im Frühjahr 2006 eine deutliche Kritik an der Karl- Peters-Straße in die lokale Öffentlichkeit zu tragen. Zugleich wurde gefordert, die Straße nach May Ayim zu benennen. Damit sollte an die afrodeutsche Aktivistin und Wissenschaftlerin erinnert werden, die bereits in den 80er und 90er Jahren unnachgiebig auf die nicht aufgearbeitete koloniale Vergangenheit und den zunehmenden Rassismus in Deutschland aufmerksam gemacht hat.

Umwidmung statt Umbenennung

Während die Lokalpresse über dieses Anliegen und auch über die koloniale Bedeutung der Person Peters berichtete, begann in der Bezirksvertretung Stieghorst eine langwierige Diskussion, an deren Ende die Karl-Peters-Straße noch immer Karl-Peters-Straße heißen sollte. Im Juni 2008 hatte sich in dem Gremium eine politische Mehrheit gefunden, die eine Umbenennung aus Kostengründen ablehnte, die Straße sollte umgewidmet werden. Als neuer Namensgeber diente der Strafrechtler und Kriminologe Karl Peters. Bereits zwei Tage nach dem Beschluss berichtete die Neue Westfälische jedoch, dass eine Recherche den Verdacht nahe legen würde, dass der neue Namensgeber aller Wahrscheinlichkeit nach NSDAP-Mitglied gewesen sei. Das Bundesarchiv bestätigte dies wenig später und es entbrannte erneut eine öffentliche Diskussion, diesmal um den zweiten Karl Peters.

Da eine ausführlichere Recherche des Stadtarchivs zur Rolle von Peters in der NS-Zeit aufgrund des unvertretbaren Aufwands nicht möglich war, schaltete sich schließlich auch die Stadtverwaltung in die Diskussionen ein und schlug einen dritten Karl Peters vor, dem die Straße von nun an gewidmet werden sollte. Bei dem Carl Peters handelte es sich um einen sogenannten ›Industriepionier‹ Bielefelds, über dessen Leben im Stadtarchiv nur wenige Unterlagen vorlagen, über den man, so die Stadtverwaltung, aber wisse, dass er keine Kolonialvergangenheit habe und auch kein nationalsozialistischer Verbrecher sei. Der AK ›Bielefeld postkolonial‹ forderte in der Neuen Westfälischen unterdessen ein Ende der »Provinzposse« und erneuerte den Vorschlag der Umbenennung in May-Ayim-Straße. Der fand in den Diskussionen in der entscheidenden Sitzung der Bezirksvertretung erneut keine Beachtung. CDU, FDP und BfB beschlossen die Umwidmung der Straße zu Ehren des Bielefelder Industriellen Peters.

Auf den ersten Blick erscheint der Streit um die Umbenennung einer Straße vielleicht vor allem als eine lokalpolitische Farce. Die politisch und medial geführte Debatte macht aus einer weiter gefassten Perspektive jedoch zudem deutlich, welche Form die allgemeine Kolonialvergessenheit der deutschen Dominanzgesellschaft mitunter auch heute noch annehmen kann. Während anfangs noch auf die Tatsache eingegangen wurde, dass es erinnerungspolitisch nicht akzeptabel ist, einem Mörder und kolonialen Aggressor wie Peters eine Straße zu widmen, wendete sich die Debatte hiervon recht schnell ab. Da sich die Anwohner*innen – trotz der Zusage der Stadt zur teilweisen Erstattung von Kosten der Adressänderung – in einer Umfrage nicht mit einer Umbenennung ihrer Straße einverstanden zeigten, verlor der koloniale Kontext in der Diskussion immer weiter an Bedeutung.

Keine Umkehr der Erinnerungsperspektive

Schnell setzte sich auch bei den zuständigen Parteipolitiker*innen die Idee der vermeintlich pragmatischen und zugleich kostengünstigen Umwidmung durch. Über den Vorschlag einer Neubenennung der Straße in Gedenken an May Ayim wurde in den zuständigen politischen Gremien hingegen gar nicht erst diskutiert. Dabei hätte gerade dieser Namenswechsel die Erinnerungsperspektive radikal umgekehrt, eine angemessene Praxis postkolonialer Erinnerungskultur möglich gemacht und Raum für zukünftige kritische Auseinandersetzungen mit der Kolonialvergangenheit Deutschlands eröffnen können. An anderen Stellen scheint dies bereits durchaus umsetzbar zu sein. So wurde beispielsweise in Berlin im Februar 2010 das Kreuzberger Gröbenufer nach mehrjährigen Protestkampagnen in May-Ayim-Ufer umbenannt und eine Gedenktafel angebracht, die über die Hintergründe des neuen Straßennamens aufklärt.

Die politisch und medial geführte Debatte in Bielefeld machte demgegenüber schnell deutlich, dass der gewaltvollen Kolonialvergangenheit Deutschlands nur geringe Relevanz zugesprochen wird. Ernsthafte Bemühungen den kolonialen Bezug der Straße zu wahren und damit auch an die jüngere deutsche Vergangenheit zu erinnern, in der es möglich war, dem Kolonialverbrecher Peters eine Straße zu widmen, gab es weder von der Mehrheit der parteipolitischen Akteure noch von Anwohner*innen. Auch die Möglichkeit zumindest durch eine Erklärungstafel an der Straße auf die Problematik der Straßenbenennung und seinen einstigen Namensgeber zu informieren, ist bislang noch nicht einmal angedacht. So schritt – wie so oft im erinnerungspolitischen Zusammenhang des deutschen Kolonialismus – auch hier ein Prozess voran, der nach dem Kulturwissenschaftler Kien Nghi Ha nicht mehr als Erinnerung, sondern vielmehr als Entinnerung bezeichnet werden kann. Die Sichtbarmachung und kritische Thematisierung der kolonialen Geschichte wäre durchaus möglich gewesen. Durch die Umwidmung an einen anderen Karl Peters wurde sie jedoch verwischt und letztlich unmöglich gemacht. Jeglicher koloniale Bezug ist somit ausgelöscht und verschwindet ganz einfach von der erinnerungspolitischen Stadtkarte. Vorerst zumindest, denn wie postkoloniale Initiativen in anderen Städten gezeigt haben, lohnt der hartnäckige und unnachgiebige Widerstand gegen die Vergessenheit und Verklärung der Kolonialvergangenheit dann doch.

Sebastian Lemme, Bielefeld, 2014

Erschienen in: Viertel – Zeitung für Stadtteilkultur und mehr, Nr. 24, März/April 2014, PDF Version

Der Artikel ist eine gekürzte Fassung des Beitrags „Vom Umgang mit kolonialen Straßennamen und postkolonialer Erinnerungskultur“. Erschienen in: Koloniale Spurensuche in Bielefeld und Umgebung, herausgegeben von Felix Brahm und Bettina Brockmeyer, Bielefeld, TPK-Verlag, S. 108-119.

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