Afrofuturismus. Sun Ra und das Intergalactic Myth-Science Solar Arkestra

Vortrag und Film am 13. Januar 2016 | 19 Uhr

OFFKINO Bielefeld, August-Bebel Str. 94

Mit der filmbasierten Vortragsveranstaltung sowie der anschließenden Filmvorführung wird der Faden aufgenommen, den das //re_visionmedienkollektiv bereits seit einiger Zeit entlang spezifischer Fragenstellungen auf dem Feld von Technologieanwendung und –entwicklung einerseits und gesellschaftlicher Emanzipation andererseits verfolgt. Zentral für diese Auseinandersetzung ist das Interesse an dem ambivalenten Zusammenwirken von technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung, sowie an den theoretischen Grundlagen und praktischen Konsequenzen verschiedener Technologieverständnisse.

Eine Kooperation des OFFKINO Bielefeld mit dem re_vision medienkollektiv mit freundlicher Unterstützung der ag freie bildung und der Antifa AG der Universität Bielefeld.

19 Uhr  Vortrag

The Future is Now!? Afrofuturismus von Sun Ra zu Afrikanischen spekulativen Narrationen der Gegenwart

Peggy Piesche

Die unter der Bezeichnung Afrofuturismus bekannt gewordene künstlerische Bewegung nutzt das Science-Fiction-Genre, um schwarze Versionen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu imaginieren. Während die Bewegung des Afrofuturismus vor allem literarisch und kulturell zuerst in der Diaspora mit Sun Ra, George Clinton und den Geschichten von Octavia Butler und Samual Delany begründet wurde, ist es unmöglich, ihre Wurzeln auf dem afrikanischen Kontinent zu ignorieren: Die Vorstellung und Utopie einer zukünftigen Welt, einer grundsätzlich anderen Welt, jenseits von hegemonialen Kategorien und Gegensätzen, bis hin zur Infragestellung des Begriffs des (Post) Humanismus waren allesamt schon immer integraler Bestandteil der afrikanischen Erzähltradition(en). Der Vortrag wird die künstlerischen Referenzen dieser seit dem Essay „Black to the Future“ von Mark Dery aus dem Jahre 1993 so beschriebenen Bewegung nachzeichnen und vor allem Sun Ras Film Space is the Place (1972/74) in seiner kulturellen Verarbeitung von Hoffnungen, Träumen und Zukunftsvisionen darin kontextualisieren.

Peggy Piesche ist Kulturwissenschaftlerin und Co-Herausgeberin des Sammelbandes „Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland“, Unrast Verlag 2009).

20: 30 Film

Space is the Place

USA 1974
Regie: John Coney
85 Min., 35mm, OV
Mit Sun Ra u.a.
Kosmologische Jazz-Musik als Raumschiff, der Planet Saturn bzw. das Universum als hoffnungsfrohes Synonym für einen Ort an dem Schwarzes Leben möglich ist – das sind die Motive des Films „Space is the Place“. Während eines Trips auf die Erde sieht Sun Ra, der sich selbst spielt und im Film durch das Universum und die Zeit reist, sich plötzlich seinem Gegenspieler, dem kosmischen Overseer , gegenüber. Beide lassen sich auf ein Kartenspiel ein, dessen Einsatz nichts weniger ist, als die Aussicht auf ein freies Leben für Schwarze und alle die bereit sind für die kosmischen Klänge des Intergalactic Myth-Science Solar Arkestras, oder, wenn Sun Ra verliert, auf ein Leben und Sterben in der sozialen und materiellen Enge der rassistisch segregierten USA.

Als der Film 1973 gedreht wurde, war das Space Race, d. h. der Wettlauf um das Weltall, zwischen den beiden Blöcken des kalten Krieges in vollem Gange. In dem hier präsentierten Film wird nicht nur der popkulturelle Niederschlag dieser Ereignisse, wie etwa die u. a. durch Raumfahrttechnologien inspirierten Narrative des speziellen Widerstands von Sun Ra gegen Rassismus und soziale Ungleichheit, thematisiert. Als Jazz-Musiker und Komponist ist Sun Ra insbesondere auch von den damals brandneuen, zum Teil nur als Prototypen zur Verfügung stehenden Synthesizern begeistert und erzeugt Töne, die bis dahin nicht zu hören waren. Ton-Technik wird hier zu einem Vehikel für Bewegung, wo keine Bewegung möglich scheint.

Mehr Informationen

Afro-Futurismus beschreibt als genreübergreifender Begriff den Zusammenprall von Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart. In seinem Essay „Black to the Future“ beschreibt der Kulturkritiker Mark Dery (1998 [1993])[1] die ästhetischen Praxen Schwarzer US-amerikanischer Künstler_innen aus den 1980er und 1990ern Jahren unter dem Begriff Afro-Futurismus. Dery interpretiert die, unter dem Einfluss der Technokultur des 20. Jahrhunderts entstandenen Erzählungen, Artefakte, kurz Kulturprodukte Schwarzer Akteure als „Beschreibung eines beunruhigenden Widerspruchs: Kann eine Gemeinschaft, deren Vergangenheit mutwillig ausgelöscht wurde, und deren Energien infolgedessen von der Suche nach lesbaren Spuren ihrer Geschichte absorbiert werden, sich überhaupt eine mögliche Zukunft vorstellen?“ (ebd.: 18). Von Kulturtheoretiker_innen, wie z. B. Greg Tate und Kodwo Eshun werden im Anschluss an Dery kulturelle Artefakte (auch aus den vorherigen Jahrzehnten, insbesondere der 1960er und 1970er Jahren) unter dem Begriff Afro-Futurismus neu interpretiert und in ihrer katalytischen Wirkung hinsichtlich ihres Einflusses auf gesellschaftliche Entwicklungen untersucht.

Der Kern afro-futuristischer Narrative und kultureller Artefakte aus den literarischen Genres Science-Fiction (SF) oder Speculative Fiction, aus der Visuellen Kunst und vor allen Dingen auch aus den verschiedenen Musikgenres ist die technokulturell inspirierte Spekulation über Zukünfte, die bereits in der Vergangenheit existierten und die die Grenzen der Gegenwart übersteigen. In einer, von kapitalistischen, kolonialen und rassistischen Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnissen geprägten Gesellschaft thematisieren afro-futuristische ästhetische Praxen bestimmter schwarzer Akteur_innen diese existentiellen Bedingungen und spekulieren über Möglichkeiten der Aufhebung dieser Verhältnisse sowie über andere, bessere Zukünfte. Die Aneignung und Umwidmung von Wissenschaft und Technologie für eine bessere Zukunft derer, die gerade mit diesen Mitteln selbst einer Vergangenheit beraubt und von Zukünften entfremdet wurden, steht im Zentrum afro-futuristischer Narrative/Artefakte. In den Arbeiten von SF-Literat_innen wie Octavia Butler, Samuel R. Delany, von Jazz – und Funkikonen wie Miles Davis, Sun Ra, George Clinton, von Techno- und Dub DJanes wie Drexciya oder die „Knöpfchendrücker“-Gruppe Cybotron sowie vieler weiterer Künstler_innen haben Technologien einen besonderen Stellenwert, weil ihre Ambivalenz es erlaubt, outside the colonized and racialized box zu denken.

Afro-futuristische Künstler_innen, Autor_innen, Musiker_innen und Theoretiker_innen sind den Ambivalenzen von Technologien auf der Spur. Sie explorieren in ihren Werken und Untersuchungen den Umgang mit Technologien zu Zwecken der Unterdrückung einerseits und zu Zwecken der Befreiung andererseits. Zentrales Topoi afrofuturistischer Auseinandersetzung mit afrodiasporischer Kulturgeschichte ist sicherlich die Frage nach den Bedingungen der Aufrechterhaltung von Zukunftsvorstellung, also auch Auseinandersetzung damit, wie es gelang die brachiale Dehumanisierung der Versklavung zu überleben. Vor dem Hintergrund der kolonial geprägterAuslöschung der Vergangenheit versklavter Menschen tragen die Stilmittel der spekulativen und fiktiven Narration eine große Bedeutung in der afrodiasporischen Popkultur.

Als künstlerisches Ausdrucksmittel und erkenntnistheoretischer Interpretationsrahmen ist Afro-Futurismus ein Prisma der afrodiasporischen Popkultur, das hineinführt in die Schwarze Kulturproduktion, deren Reformulierungen hegemonialer Geschichtsschreibung und einseitiger Zukunftsvisionen auch gegenwärtige Popkultur herausfordert. Deutlich wird dies insbesondere in der vielfach vorkommenden Bezugnahme auf eine extraterrestrische Existenz und/oder Herkunft von Protagonist_innen und Akteur_innen afro-futuristischer Narrative. „Truth is stranger than fiction“ (Womack 2013: 36) meint genau das: Eine in rassistischen Verhältnissen sich darbietende Realität ist gefährlicher als die absurdesten Fiktionen über technologisch ermöglichte Vergesellschaftungsformen. Die ikonographische Perspektive auf die Metaphorik der Alien Abduction (Entführung durch Außerirdische) offenbart die Motive der Versklavung, der Unterdrückung im Rahmen wissenschaftlich-technologischer Experimente (z. B. in den Tuskegee Experimenten, den Zwangssterilisationen), die gesellschaftliche Isolation und Marginalisierung rassifizierter Subjekte sowie die afrodiasporischen Erfahrungen. Afro-Futurismus greift mit dem Ziel, Strategien des Widerstands gegen und der Transformation dieser Bedingungen zu entwickeln, auf diese Metaphorik zurück (Womack 2013).

Dabei ist die afro-futuristische Aktion selbst bereits eine Form des Widerstands, weil allein die Imagination eines besseren Lebens in einer besseren Zukunft die gegenwärtige Existenz in Frage stellt. Afro-Futurismus ist so zunächst auch eine Negation des Bestehenden, die jedoch zukunftsgerichtet danach fragt, welche Alternativen zur Gegenwart vorhanden sind. Das Bild Keeping the Culture (2011) des Künstlers Kerry James Marshall veranschaulicht diese Form der Imagination:

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„It strucks me that you rarely see images of black people projecting themselves into the future.” (Marshall zit. nach Womack 2013: 190). In dem Bild Keeping the Culure wird eine Familie of colour in den Weltraum projeziert: ein Raumschiff als gemütliches, traditionell dekoriertes Wohnzimmer, bietet Raum für die Imagination eines glücklichen Zusammensein. Im Hintergrund schauen Kinder auf ein Hologramm, im Vordergrund des Bildes zentriert Marshall zwei sich buchstäblich nahestehende Menschen um ein klassisches Musikinstrument. Die Verbindung von Tradition und Raumfahrttechnologie bricht mit sozialen Grenzen, die quer zu eben diesen Sphären liegen. Technologieanwendung und –entwicklung als Feld gesellschaftlicher Auseinandersetzung ist immer auch dadurch gekennzeichnet, dass Differenzkategorien wie Geschlecht, Race und Klasse die Zugangs- und Partizipationsoptionen beeinflussen (Dery 1994).

Eines der frühen afro-futuristischen popkulturellen Artefakte ist der Film Space is the Place aus dem Jahr 1972/1974. Während der Produzent Jim Newman zunächst plante einen weiteren Dokumentarfilm für seine Reihe über Avantgarde Musik zu produzieren, entstand letztendlich ein genialer Dokumentar-Science-Fiction-Blaxploitation-Film mit Sun Ra als Starring, der neben Joshua Smith als Autor des Films gilt. Sun Ra, der als Herman Blount 1914 in Birmingham, Alabama, USA geboren wurde, änderte seinen Namen im Jahr 1952 offiziell in Le Sony’r Ra. Als talentierter Pianospieler und Jazz-Komponist in den segregierten USA bekannt, wurde Sun Ra vor allen Dingen für seine avantgardistische, zum Teil esoterisch, kosmo-philosophisch begründete Bühnentheatralik und seine, durch neueste Technologie ermöglichten experimentellen Sound-Kompositionen berühmt. Ab den späten 1940ern Jahren leitete Sun Ra das Arkestra, ein Jazz-Ensemble welches auch über Sun Ras Tod im Jahr 1993 hinaus erfolgreich war.

Der Eklektizismus des Plots von Space is the Space ist eine aufschlussreiche Einführung in die kaleidoskopische Vielfalt afro-futuristischer Narrative und ihrer Begründungen. In dem Film spielt Sun Ra sich selbst: seine extraterrestrischen Erfahrungen – Anweisungen aus dem Universum und Reisen zum Saturn – sind Teil der biografischen Mythologie, die auch die reale Person Le Sonny’r Ra bis zu ihrem Tod aufrechterhält. Sun Ras Biograf John F. Szwed (1998) verweist auf die Bedeutung der biographischen Fiktionen als Überlebensstrategien. Die gesellschaftlichen Positionen, in denen Schwarze sich wiederfinden, scheinen nur über die extraterrestrische Herkunft erklärbar.

Gesellschaftlicher Hintergrund der Space-Symbolik bei Sun Ra und anderen Afro-Futurist_innen ist sicherlich auch das Space Race zwischen den beiden Blöcken des Kalten Krieges. Der Space, der Kosmos, das Universum erhält vor dem Hintergrund des ersten Satelliten im Weltraum (Sputnik 1) im Jahr 1957, dem ersten Mensch (Juri Alexejewitsch Gagarin) im Weltraum im Jahr 1961 und die Mondlandung von 1968 eine immense symbolische Kraft (Szwed 1998). Im Symbol des Space, den imaginierten Weiten, der schier unfassbaren Unendlichkeit geht nicht nur die Erklärung des Status der Exklusion auf, sondern vor allen Dingen auch die Sehnsucht nach Raum; Raum für das Sein, für das Schwarzsein. Für Sun Ra hat der Weltraum den Stellenwert eines sicheren Ortes, in den sich Schwarze Amerikaner_innen zurückziehen können und Raum zur Entfaltung finden, der frei ist von rassistischer Segregation und Exklusion. Aber Space als ein Place war mehr als das, es war vieles, vor allen Dingen Medium der Möglichkeiten. Die Analyse des Films zeigt die popkulturelle Verarbeitung der Hoffnungen auf sozialen Fortschritt, die nicht zuletzt auch durch die damaligen Fortschritte in der Raumfahrttechnologie angeregt wurden. Raumfahrt als Refugium, als Option, den tödlichen Beschränkungen kapitalistischer und rassistischer Verhältnissen zu entfliehen, setzte selbstermächtigende Kräfte frei, davon zeugt nicht zuletzt der spacige, für damalige Verhältnisse absolut unkonventionelle Soundtrack des Films Space is the Place.

Im Space fällt schließlich die Zukunft in die Gegenwart.

 

[1] Der Originalessay wurde von Dery 1993 für die Sonderausgabe Flame Wars: The Discourse of Cyberculture des South Atlantic Quarterly (92 (4), 1993) geschrieben. Zitate aus dem vorliegendem Text stammen aus der Übersetzung von Dietmar Dath in dem Sammelband Loving the Alien, herausgegeben von Diedrich Diederichsen (1998).

Zitierte Literatur

Dery, Mark (1998): Black to the future: Afro-Futurismus. In: Diederichsen, Diedrich (Hrsg.) (1998): Loving the Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. Berlin: ID Verlag. S. 16-29.

Diederichsen, Diedrich (Hrsg.) (1998): Loving the Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. Berlin: ID Verlag.

Szwed, John (1998): Nächstes Jahr auf dem Saturn. Sun Ras schwarzer Utopismus. In: Diederichsen, Diedrich (Hrsg.) (1998): Loving the Alien. Science Fiction, Diaspora, Multikultur. Berlin: ID Verlag. S. 48-67.

Womack, Ytasha L. (2013): Afrofuturism. The World of Black Sci-Fi and Fantasy Culture. Chicago: Chicago Review Press.

 

Ausgewählte weiterführende Literatur

Eshun, Kodwo (1999): Heller aus die Sonne. Abenteuer in der Sonic Fiction. Berlin: ID Verlag.

Miller, Scot (2009): Afro-Surreal Manifesto. Black is the New Black – a 21st Century Manifesto. Online verfügbar unter: http://dscotmiller.blogspot.de/2009/05/afrosurreal.html. (zuletzt geprüft am 06.10.2016).

Miller, Scot (2016): Afrosurreal: the Marvelous and the Invisble 2016. Online verfügbar unter: http://openspace.sfmoma.org/2016/10/afrosurreal-the-marvelous-and-the-invisible/. (zuletzt geprüft am 06.10.2016).

Stüttgen, Tim (2014): In a qu*a*re time and place : post-slavery temporalities, blaxploitation, and Sun Ra’s Afrofuturism between Intersectionality and Heterogeneity. Berlin: b-books.

Szwed, John F. (1997): Space is the Place: The Lives and Times of Sun Ra. New York: Pantheon Books.

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